Jetzt geht’s um die Wurst oder den Wurst?

Der European Song Contest war aus meiner Sicht schon weitgehend vergeben und vergessen, bis Stefan Raab dieses gesangliche Abseits entdeckte und neu entwickelte. Einige Jahre wurde es dadurch wieder richtig spannend, aber nach Lenas 2. Start ebbte das Interesse wieder spürbar ab.

Bevor ich vom diesjährigen ESC erfuhr oder gar den „deutschen Beitrag“ wahrnahm, gab es da diesen seltsamen Namen „Conchita Wurst“, der mir signalisierte, dass wieder irgendwas oder irgendwer beim Song Contest für Furore sorgen würde. Zunächst dachte ich an einen neuen Gag von Stefan Raab, aber schon bei der nächsten Radiomeldung schienen es diesmal die Österreicher zu sein, die etwas Verrücktes im Schilde führten. Bis wenige Tage vor dem Event war mir das Phänomen „Conchita Wurst“ noch völlig unbekannt und ein Foto in den Medien von einer Frau mit Vollbart brachte ich noch nicht mit der Künstlerin in Verbindung.


Ich frage mich selbst gerade, warum schreibst du dann jetzt über diesen an sich langweiligen ESC und eine bis dato unbekannte Alpenkünstlerin?

Ganz einfach: Ich habe mich selbst analysiert und habe bemerkt, wie mich dieser Vollbart irritiert hat und wie es die Medien und die Bevölkerung polarisierte. Wäre aber dieser Vollbart – zugegeben, so ein dichter und perfekter Vollbart gedeiht bei mir nicht 🙁 – nicht gewesen, wäre die Aufmerksamkeit nicht ein Bruchteil dessen gewesen, was wir erleben durften. Ohne Vollbart hätte ich die Erscheinung „Conchita Wurst“ als Frau oder Transvestit akzeptiert und nicht weiter beachtet als die musikalische Leistung. Kennt man den Effekt doch bei Kindern, die Ungewohntes oft anstarren und versuchen es einzuordnen. Ungefähr so kam ich mir nun selbst vor. Eine Frau mit solch einem Bart – nein, das gefällt mir nicht, kam die innere Überzeugung. Als eindeutig Hetereo komme ich Bärten üblicherweise nicht besonders nah, daher war jetzt dieses innere Hin- und Her: Sie sieht gut aus, aber der Bart ist grausig, etwas Neues.

Das Besondere an Conchita Wurst offenbarte sich erst beim SternTV Interview, wo ich ehrlich gesagt überrascht war, wie fein sich diese Person (ich weiß immer noch nicht, ob ich Mann oder Frau sagen soll) artikuliert und wie weit sie sich aus der „Wichtigkeit im Showbizz“ herausnimmt und anscheinend nur ihre Mission, den Aufruf zu mehr Toleranz, in den Vordergrund stellt. Sie bezeichnete sich auch nur als jungen schwulen Mann in Frauenkleidern und agiert dabei so grazil und gewandt, dass einem nur der Bart immer wieder erinnert, dass es sich nicht um eine „normale Frau“ oder besser ausgedrückt um eine seit Geburt als Frau lebende Persönlichkeit handelt.

Dass Europa nun als Sündenpfuhl verkommt ist wirklich eine irre Behauptung eines ewig Gestrigen, der die Künstlerin nur auf den Bart reduziert, denn ansonsten wäre auch ein Transvestit auf dem ESC nicht aufgefallen. Wahrscheinlich ist es dieser perfekte Kurzhaar-Bart, der viele Männer aufregt, da im eigenen Gesicht höchstens etwas „Flaum“ gedeiht und hier bei einer Person, die den Bart eigentlich nicht benötigt und wo er sogar kontra produktiv sein sollte, findet man den verwegenen Look, der jedem Südländer mit Sixpack die Frauen reihenweise ins Bett treibt.

Ich bin sicher, es wird noch zu weiteren Show Auftritten kommen und die Spötter und Widersacher werden merken, dass das Kunstprodukt „Conchita Wurst“ auch das eigene Ego polarisiert und besser als jeder Sexualtherapeut helfen kann, sich selbst ein wenig besser verstehen zu können.  Hätte ich nur das Foto gesehen, wäre ich wahrscheinlich auch auf einer niedrigeren psychischen Evolutionsstufe hängen geblieben. Danke!

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